Unser erster Abend in Russland hat das ganz klare Potential, das absurdeste Erlebnis der gesamten Reise zu sein. Aber eins nach dem anderen:

Einreise

Vor der russischen Grenze war eine ewig lange Schlange. Wunderbare Umgebung, gestresste Russen und wir. Tatsächlich wollten wir dann die Zeit nutzen und auf unseren Autos die Zelte trocknen – da wir deshalb nicht so schnell aufholen konnten, wenn es denn mal vorwärts ging, verleitete das irgendwelche Russen zu wilden Überholmanövern. Je älter der noch junge Tag wurde desto aggressiver wurden die – und wir dann irgendwann auch, weils uns echt gereicht hat.

Einer der Höhepunkte des Ganzen war beispielsweise ein schwarzer SUV (was sonst), der mit vollem Tempo an der gesamten Schlange vorbeigerast ist – ein paar Sekunden später die ziemlich angefixte russische Grenzpolizei mit Blaulicht und Sirene mit vollem Tempo hinterher, um ihn abzufangen. Das gab mitunter fast Gerangel unter allen Beteiligten. Ansonsten hat uns ein netter LKW-Fahrer Kaffee gekocht, weil er irgendwas von den Grenzgängern geschenkt bekommen hat, wir haben unser erstes vollausgestattetes MG-Schützennest gesehen und irgendwann meinte auch mal jemand einen Schuss gehört zu haben.

Vor der Grenze sind wir dann zum ersten Mal mit Migrationskarten konfrontiert wurden: kleine, unscheinbare Papierstücke, auf denen man seine persönlichen Daten vor der Grenze niederschreiben musste. Und unglaublich wichtig, wie wir dann in Kasachstan noch lernen sollten.

Nachdem man dann unser Gepäck kontrolliert und Normens Haare bestaunt hat wurden wir freundlicherweise darauf hingewiesen, dass wir für unser Auto noch ein Temporary Import Document ausfüllen müssen – wir hätten die Grenze auch problemlos ohne passieren können, dann hätten wir aber ordentlich Probleme bei der Ausreise und im Land bekommen.

Das Dokument hat uns dann, und das auch nur aufgrund der Kulanz einer sehr netten russischen Grenzerin, das Ganze für 7 Autos auszufüllen, nochmal 1,5h gekostet. Insgesamt mit allem hat uns die Grenze 6,5h gekostet. Und jetzt war es spät.

Verfranzt in Russland
Irgendwo in Stawropol
Irgendwo in Wladikawkas

Wir waren also nach Russland eingereist, in die berüchtigten autonomen Teilrepubliken im Nordkaukasus, die vor Reisewarnungen nur so strotzen. Und haben uns gleich in der ersten Stadt (Wladikawkas) verfahren und die Grenzgänger verloren. Das Schöne: sobald wir irgendwo hielten wollten uns alle helfen, trotz der Tatsache, das wir in dem Moment über 10 Mann waren wollte man uns sogar zu Kaffee oder Tee einladen. Am Ende hatten wir nach einmal Anhalten 3 Wegbeschreibungen und einen Wolga, der uns aus der Stadt raus und auf die richtige Straße gelotst hat. Super.

Außerdem wurden wir hier zum ersten Mal gleich nach der Grenze von der berüchtigten Straßenpolizei kontrolliert. Die Jungs stehen (meist alleine) am Straßenrand und winken alles, was interessant aussieht, mit einem lustigen Leuchtschlagknüppel raus. Wir hatten bisher keine Probleme mit denen, aber das war, auf alle Rallyeteilnehmer betrachtet, nicht unbedingt die Regel.

Eine ungemeine Verstrickung von Zufällen

Nach der Stadt haben wir dann auch glücklicherweise die Grenzgänger auf der Autobahn wiedergetroffen. Mittlerweile dämmerte es und wir hatten noch etliche hunderte Kilometer vor uns, um irgendwie aus den dubiosen Teilen des Nordkaukasus herauszukommen. Und waren alle recht fertig.

Dementsprechend sind wir dann von der Autobahn abgefahren und haben am Straßenrand eine Krisensitzung abhalten wollen. Zufall Nummer 1 war, dass in dem Moment ein großer schwarzer BMW (ohne Stoßstange hinten ;)) hielt. Zufall Nummer 2: genau in dem Moment kam auch noch ein weiteres Team, nämlich Team Bodenwelle, die selbe Abfahrt runtergefahren. Die hatten Arno dabei, der fließend russisch spricht und uns schon an der Grenze sehr geholfen hat. Allerdings waren wir von dort aus getrennt gereist.

Und was dann passiert ist …

ist unglaublich – so oder so ähnlich muss man das jetzt glaube ich tatsächlich mal überschreiben. Wie Arno klären konnte saß im schwarzen BMW wohl ein russischer Polizist in Zivil – der ziemlich angesenkelt davon war, dass wir da am Straßenrand halten, aber meinte, wir könnten auf dem Acker hinter uns übernachten. Und Bier und Vodka wollte er uns ebenfalls besorgen.

Wir haben also eine Wagenburg auf dem Feld aufgebaut, irgendwer ist mit Bier holen gefahren. Am Ende stand dann ein Polizei-Geländewagen neben unserer Burg, vollbewaffnete Polizisten mit AK’s und Pistolen und so. Die wollten Saufen … Also genau genommen 3 von Ihnen, 2 niedrigeren Ranges waren als Aufpasser abgestellt.

Wir haben uns also tierisch betrunken, mit russischen Polizisten, zu russischen Spezialitäten, zum Teil auf Kosten der Polizisten, in einer Gegend, in der auch die Polizei nicht unbedingt den besten Ruf hat. Das wurde unendlich wild. Ein Polizist war am Ende so betrunken, dass er nichtmehr alleine aufstehen konnte, einer hat alles in Grund und Boden getanzt (Team Bodenwelle hatte eine ziemliche Musikanlage dabei, wir hatten russische Popmusik von den Polizisten laufen) und einer hat erzählt, dass er in Deutschland eine Frau mit zwei Kindern und in Russland eine Frau mit einem Kind hat. Nebenher wurden wir mit dem nordkaukasischen Trinkritual, Vodka und Bier im Mund zu mischen, vertraut gemacht. Und alle haben getanzt und mit den Waffen gespielt :S

Ich schieb jetzt mal ein unscharfes Beweisfoto zwischen, russischer Polizist beim Tanzen:
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Andere Fotos, die noch bei anderen Teams liegen, zeigen bspws. Normen (gibts noch von mehr Leuten) oberkörperfrei mit vollgeladener AK beim Posen, uns alle mit den Polizisten und Waffen, usw.. Einige von uns sollten wohl auch mit den Waffen schießen, haben das aber aufgrund ihres Zustandes abgelehnt. Auch hat es bspws. Ronny von den Heavy Metals geschafft, im Tausch für ein T-Shirt eine Dienstwaffe geschenkt zu bekommen. Die hat er zum Glück in einem hellen Moment ein paar Minuten später dankend wieder zurückgegeben.

Außerdem wissen wir jetzt, das alle Vorurteile zum Thema Rammstein und Russen wahr sind. Darüber hinaus stört es russische Polizisten anscheinend nicht, betrunken zivil Auto zu fahren – und dabei andere russische Polizisten, die sie herauswinken wollen, vollzupöbeln. Beobachtung anderer Teams, die mit Bier holen waren. Die Jungs wissen, dass sie einen Freifahrschein in ihrem eigenen Bezirk haben und leben das anscheinend auch voll aus …

Als der Abend dann langsam ausgeklungen ist sollten die nüchternen Polizisten uns noch die restliche Nacht Schutz geben und um unsere Burg mit ihren AKs patroulieren. Am Ende wurde das Ganze dann soweit aufgeweicht, dass sie nur alle halbe Stunde bei uns auf Streife vorbeifahren sollten.

Darüber hinaus hat Team Bodenwelle noch eine Telefonnummer bekommen: eine Art Schutzbrief, falls wir die nächsten 450km angehalten werden sollten und Probleme wegen Restalkohol bekommen. Wer weiß, ob die funktioniert hätte. Probieren mussten wirs zum Glück nicht.

Und das alles wie gesagt in einer Gegend, in der auch die Polizei einen fragwürdigen Ruf hat…

Der nächste Morgen

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… war für die meisten von uns ein Graus. Tatsächlich hatte ich mich, zusammen mit Lukas von den Grenzgängern, am Vorabend etwas zurückgenommen, weil wir aus verschiedenen Gründen vorwärts kommen wollten. Normen und ich wollten die Karacho-Kombo treffen, die schon in Astrachan auf uns warteten und die wir u.a. wegen dem Unfall und der längeren Strecke schon zwei Tage hatten vertrösten müssen. Die Grenzgänger wollten möglichst schnell Kirgisistan erreichen und dabei nach Möglichkeit das Team Purple Power einholen. Jeder hatte so seine Verpflichtungen.

Die Panzertapeladies hatten sich am Vortag dazu entschieden, dass es keine Lösung ist, dass wir sie weiter mitnehmen. Tatsächlich war es insbesondere auch für sie eine große Belastung gewesen, da ihre Sachen auf 2 Autos verteilt waren und sie in keiner Hinsicht mehr selbstständig agieren konnten. Sie hatten dann, im Rausch der Stunde, den Plan gefasst, stattdessen nach Tadschikistan vorzufliegen und zu schauen, ob sie uns von dort durch den Pamir entgegenreisen können.

Durch Russland

Dementsprechend starteten wir früh und trennten uns wieder vom Rest, der zumindest diesen Tag etwas langsamer anging. Im Auto musste ich dann feststellen, dass es sich doch etwas schwammig fuhr. Ich hatte mich wohl etwas zu wenig zurückgehalten, aber zum Umkehren war es zu spät.

Nun muss man dazu sagen, dass wir schon wussten, dass man in diesem Gebiet ständig kontrolliert wird. Dementsprechend hatte ich unglaublichs Muffensausen wegen meinem offensichtlichem Restalkohol, hab pure Zahnpasta gegessen und weiß der Kuckuck. Als wir dann auch nach wenigen Kilometern schon die erste Straßensperre erreicht haben dachte ich, jetzt ist alles zu spät. Etliche Polizisten und schwer bewaffnete Militärs, dazu irgendwelche Schwarzuniformierten. Als wir dann natürlich angehalten wurden kam einer der Schwarzuniformierten auf uns zu und sprach uns an.

Alles was er wollte: „How are you?“ Ich, völlig entsetzt: „Fine, thanks!“ Darauf hin meinte er mit einem Grinsen (ob er unsere Vorgeschichte kannte?), worauf ich warte , und, dass wir weiterfahren sollen…

Danach war ich eigtl. relativ nüchtern. Wir wurden ständig angehalten und mussten uns auch mehrfach an kleinen innerrussischen Grenzen registrieren. Aber alles problemlos. Wenn ihr wissen wollt, wie die Leute dort aussahen: startet mal ein Computerspiel wie Metro 2033 oder Stalker. Teilweise Sturmhaube, große Magazine, jede Form von AK die jemals gebaut wurde, teilweise auch mit Laserzielhilfen oder was auch immer. Irgendwo bilde ich mir auch ein mal was mit Schrot gesehen zu haben. Dazu dann immer Polizisten in schicken, ziemlich russischen Uniformen. Fotografiert haben wir die Guten aber aus naheliegenden Gründen nicht.

Auf jeden Fall war das Dauerzustand. Aber wie gesagt hatten wir nie Probleme. Allerdings: das besagte Team Bodenwelle, das ja hier auch schon eine Rolle gespielt hat, ist auf dem Weg durch Russland und Kasachstan 400$ Schmiergeld losgeworden. Ich weiß nicht, was die anders gemacht haben als wir, aber gut. Es kann offensichtlich auch anders laufen. Vielleicht, wenn man russisch beherrscht und versteht, was die Polizisten von einem wollen.

Abschied

Die Panzertapeladies wollten uns möglichst wenig Probleme bereiten und hatten sich einen Flugplatz herausgesucht, der direkt auf unserer Route lag. Natürlich mussten sie dann zum zweiten Mal ihre ganzen Sachen aussortieren, echt bitter. Und wir haben auch noch davon profitiert :/ : man hat uns bspws. Werkzeug geschenkt und alles, was sonst so weg musste. An und für sich nichts Falsches, aber man fühlt sich richtig schlecht dabei. Die 3 sind dann dort geblieben, um auf ihren Flieger gen Duschanbe zu warten. Gut, dass sie so zumindest noch Tadschikistan sehen konnten und nicht alles umsonst war!

Elista

Eine dubiose Stadt, in der wir in der Nacht angekommen sind und von der wir nicht viel wissen. Allerdings: alles ist sehr asiatisch! In einem Hotel, in dem wir abgewiesen wurden (voll?) hing eine Uhr mit Tokiozeit, selbst vor dem Polizeiquartier standen kleine japanische Vordächer. Und massiv große deutsche Autos.

Untergekommen sind wir in einem seltsamen alten Hotel, wir hatten ein 10-Mann Zimmer zu viert. Von vorne hat der Laden wild in wechselnden Farben geleuchtet, bei Tag sah es auch nicht besonder aus. Wäsche gewaschen und ja. Viel zu erwähnen gibt es nicht. Wir waren dann noch Abendessen und Bier trinken. Dabei ist uns ein Jugendlicher über den Weg gelaufen, der sich mit uns unterhalten hat, ständig Hitlergruß gemacht hat und uns irgendwann auch Gras verkaufen wollte (Bob Marley, you understand? Bob Marley!). Mehr fällt mir zu der Stadt nichtmehr ein…

Durch die Steppe

Die Landschaft wurde dann am nächsten Tag immer flacher, genau genommen das flachste Land, was wir bis dato gesehen haben. Irgendwo liefen auch mal ein paar Kamele herum.
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Von Astrachan zur Grenze

Spätestens in Astrachan wurde es dann problematisch mit der Navigation. Viele Wegweiser gab es in den Städten nicht und Astrachan selbst ist in viele kleine Inseln zerklüftet, die durch die einzelnen Arme der Wolga getrennt sind. Dementsprechend sind wir massiv in Sackgassen hineingefahren. Bemerkenswert war ein kleiner Zwischenstop zum Tanken, bei dem vielleicht 20m neben der Tankstelle ein kleines Buschfeuer vor sich hin gebrannt hat. Hat aber die Einheimischen nicht weiter gejuckt, dementsprechend haben wir uns dann auch nicht weiter drum gekümmert.
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Irgendwo bei Burgerking (da gibts Wifi, sehr wichtig, wenn man kein mobiles Internet hat!) konnten sich die Grenzgänger dann eine Stadtkarte herunterladen, während wir draußen eine Wegbeschreibung von einem russischen Kriegsveteranen ohne Beine bekamen. Der fuhr im Rollstuhl auf der Hauptverkehrsstraße herum und hat so einige Rubel von vorbeifahrenden Autos bekommen. Und etwas seltsam reagiert, als er verstanden hat, dass wir nach Kasachstan wollen: als wollte er uns viel Glück wünschen, weil das eine gefährliche und schwere Sache ist.

Am Ende sind wir auch auf der richtigen, sehr kleinen Straße gelandet. Durch die hinterletzte russische Provinz, wir waren uns oft nicht sicher, ob wir da richtig sind. Höhepunkt war eine Pontonbrücke mitten im Nichts, die wir für eine kleine Maut passieren durften/konnten/mussten.

Die Grenze selbst war recht unkompliziert. Ein relativ kleiner Posten im Nichts, eine rein mechanische Barriere, die uns die Reifen zerstochen hätte, wenn wir einfach durchgefahren wären, ein wenig Wellblech usw. drum rum. Viel mit Technik war da nicht, so wie man das von größeren Grenzen kennt. Und dann waren wir im Niemandsland.

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