Georgien, dritter Tag

Wir fuhren nach der regnerischen Nacht in aller Frühe los, um möglichst gegen 8 die georgisch-russische Grenze im Kaukasus zu erreichen. Nachdem wir bisher den kleinen Kaukasus schon als ganzschön groß und hoch empfunden hatten war das nochmal eine ganz neue Kategorie. Allerdings haben wir aufgrund von dichtem Nebel nur erahnen können, dass es neben uns viele hunderte Meter in die Tiefe geht.

Natürlich wollten wir auch vorwärts kommen und mussten immer wieder LKWs überholen, die in Schrittgeschwindigkeit die Serpentinen erklommen haben. In unserer Kolonne fuhren die Grenzgänger in straffem Tempo vorweg, die Panzertapeladies in ihrem Astra scharf hinterher. Wir haben an den Bergen alles aus unserem Micra herausgeholt, mussten aber selbst dann eine Spur geschmeidiger reisen als unsere Gefährten.

Irgendwo kurz vor dem höchsten Punkt der Straße ist es dann passiert: die Grenzgänger waren schon weiter, wir hingen 3 LKWs hinterher. Und die Panzertapeladies haben bei einem Überholmanöver an einer Kurve aufgrund der nassen Fahrbahn die Bodenhaftung verloren, sind gegen einen Begrenzer gerutscht und haben sich dann 1,5 mal seitlich überschlagen.

Wir sind heilfroh, dass keine von den 3en wirklich verletzt wurde. Und das sich die etlichen Butandosen vom Kocher oder der Tank nicht entzündet haben. Als wir 10 Sekunden später um die Kurve kamen lag da ein rauchendes Auto auf dem Kopf, die 3 waren schon zum Teil herausgeklettert. Eine ganze Reihe Leute haben sich gefunden, die geholfen haben.

Enorme Hilfsbereitschaft

Wir haben uns dann aufgeteilt. Die Grenzgänger haben zusammen mit Kerstin von den Mädels, die trotz allem sehr gefasst war, das Auto ausgeräumt und alles an einem nahegelegenen Straßenstand untergebracht. Dort durften wir netterweise eine Abstellbude des georgischen Händlers nutzen. Normen und ich sind in den nächsten Ort gefahren, um die Polizei zu verständigen. Wir haben da dann auch einen älteren Polizisten wecken können, der uns dann aber nach einigem Hin und Her mit Telefonübersetzer usw. (Wir redeten von einem Unfall – aber wir hatten ja ein intaktes Auto!? Den Zusammenhang haben wir nicht über die Sprachbarriere tragen können) unwirsch weggeschickt hat.

An der Unfallstelle war mittlerweile das Auto unter Beihilfe zahlreicher Russen wieder aufgerichtet worden. Vorallem ein aserbaidschanicher Pilot hat sich allerdings als Helfer in der Not hervorgetan: er konnte halbwegs Englisch, außerdem Russisch, und fungierte so als Übersetzer, Organisator und Helfer. Tatsächlich war er eigtl. auf dem Weg nach Tiflis, um seine beiden kranken Kinder dort zu versorgen: eins mit Down-Syndrom und 40 Fieber und das andere mit irgendeinem fiesen Stich. Möglicherweise ist die Versorgung und Aufklärung über Behinderungen in Aserbaidschan noch nicht so weit wie in Georgien!? Auf jeden Fall hat sich dieser Mann um die 6h ungeachtet seiner eigenen Probleme für uns eingesetzt.

Während Kerstin dann mit dem Piloten losgefahren ist, um einen Abschlepper zu besorgen, hat der Rest in einem nahegelegenen Tunnel unsere gesamte Ladung aussortiert. Sowohl Grenzgänger als auch Panzertapeladies haben enorm viel weggeschmissen, um genug Platz für 7 Mann in 2 Autos zu schaffen. War ein richtig bitterer Moment. Wir konnten recht wenig einsparen, einerseits hatten wir weniger Redundanz und andererseits die doppelte Reisezeit, für die unser Kram reichen musste. Hauptsächlich die Gitarren hätten wir liegen lassen können, aber das haben wir nicht über uns gebracht.

Der Plan war, dass wir möglichst viel Gepäck übernehmen und sich die anderen 5 Mann die weitere Reise in den Astra der Grenzgänger quetschen. Eine sehr unangenehme Lösung, aber wir hatten auch keine Rückbank im Auto, so dass wir nur Ladekapazität anbieten konnten… Als dann der Abschlepper kam haben wir alles verstaut und sind die Berge wieder heruntergefahren. Das krasse: der Astra verlor zwar Öl, ließ sich aber noch starten und lenken, Dachgepäckträger war auch noch heil. Für 300€ und mit 2 Wochen Zeit wollte der Abschlepper das Auto wieder herrichten, oder es für 100€ kaufen.

Autoverwertung

Und damit ging der Stress dann richtig los: Wie verkauft man ein Auto in Georgien so, dass der Zoll und die Polizei mitspielt? Der Aserbaidschaner hatte mittlerweile 200€ geboten, der Abschlepper wollte es auch kaufen. Und die Panzertapeladies wollten mit ihren Pässen, in die ein Auto gestempelt war, wieder ausreisen können.

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Nach viel Telefoniererei mit den Rallyeorganisatoren (gab ja auch noch 500€ Kaution auf das Auto) sowie der Parvina von Caritas in Tadschikistan (die bei allem immer für uns Rallyeteilnehmer eingesprungen ist, als Übersetzer und weiß der Teufel) haben wir dann die Polizei zum Abschlepper nach Hause gerufen. Hintergrund: wir hätten es gleich melden müssen (das wir das versucht hatten war wohl gegenstandslos), so war eine Strafe von 100€ fällig. Danach ist Kerstin mit dem Abschlepper nach Tiflis gefahren, um das Auto notariell beglaubigt an diesen zu verschenken – andernfalls wären noch Zollgebühren um die ich dächte 800€ fällig geworden. Auch da gab es massiv Probleme, die Beiden waren bis ins Dunkle unterwegs.

Und noch mehr Solidarität

Währenddessen haben wir einige andere Teams abgefangen, die auch die georgische Heerstraße passieren wollten. Die Solidarität war groß: als sie gehört haben, was passiert ist, waren sie ohne weiteres bereit, ebenfalls Gepäck sowie eine Person zu übernehmen. Wir haben dann erst vor der Werkstatt gekocht und etwas später ein paar hundert Meter Luftlinie weiter am Fluss ein Lager aufgeschlagen.

Zur Grenze

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Am nächsten Morgen sind wir dann alle zusammen zur Grenze aufgebrochen. Auf dem Weg haben wir noch ein wohl berühmtes Mosaik entdeckt, das wir am Vortag im Nebel nicht hatten sehen können. Die Landschaft war phänomenal und die Ausreise in etwa so unkompliziert wie die Einreise.

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