In der Türkei ging so einiges schief. Der Bericht ist ein ziemlicher Roman geworden, aber was will man machen…

Grenze

Wir sind dann am 9.9 in aller Frühe in unserem bulgarischem Hotel gestartet, um möglichst weit zu kommen. Die türkische Grenze, die wir dann 1 bis 2 Stunden später erreicht haben, hat uns auch gleich gezeigt, dass der europäischen Teil unserer Reise vorbei ist: es war das erste Mal, dass wir uns an einer Grenze an 5 verschiedenen Posten jeweils mit unseren Reisepässen identifizieren und irgendwelche Fragen beantworten mussten.

Jeder der Posten schien eine andere, kleine Aufgabe zu haben: von Identifikation unserer Personen über das Checken der Fahrzeugpolice bis zur Kontrolle der eingeführten Waren. Vorallem letzteres war etwas heikel: in die Türkei darf, neben vielen anderen restriktiven Regelungen, pro Person nur maximal 1 Liter alkoholischer Getränke unter 40% eingeführt werden. Wir hatten aber 26 Bier im Auto (Devisen!)… Ist zum Glück recht glimpflich ausgegangen.

Außerdem mussten wir an der Grenze feststellen, dass wir im bulgarischen Hotel unsere Personalausweise hatten liegen lassen. Sowohl der Hotelier als auch wir hatten das schlicht und ergreifend im ganzen Hin und Her über die Bezahlung in Euro und Rückgeld in Lew vergessen, wir hatten sie am Vorabend als Pfand abgeben müssen. Da wir ab jetzt sowieso nurnoch unsere Reisepässe brauchten, blieb es zum Glück bei einem kurzen Schreckmoment.

Autobahnmaut

Nachdem wir an der Grenze ziemlich geschwitzt haben konnten wir uns dann auf wahnsinnig gut ausgebauten und komplett leeren türkischen Fernstraßen ausruhen. Nach einigen hundert Kilometern stießen wir auf die erste Mautstation, die den Eingang zur Autobahn gen Istanbul versperrte. Ein riesiges Konstrukt aus Kameras, Blitzern, und mit verschiedenen Beschilderungen, mit welchem Zahlungssystem man sich wo einordnen soll. Und komplett ohne menschliche Besatzung.

Wir haben also auf der (Einbahnstraße) Zufahrt gewendet und sind ca 30km zur letzten Tankstelle zurückgefahren, um dort nach einer Vignette oder ähnlichem zu fragen. Generell waren die Leute in der Türkei sehr hilfsbereit, konnten aber nur sehr selten Englisch oder Deutsch. Dementsprechend haben wir eine halbe Stunde an der Tankstelle versucht, per Google Übersetzer mehr Infos zu bekommen. Am Ende waren wir leider genauso schlau wie zuvor und sind einfach auf mautfreien Straßen weiter nach Istanbul gefahren.

Mittlerweile wissen wir in groben Zügen, wie das türkische Mautsystem funktioniert: es gibt zwei Systeme, eins erfordert den Einbau eines eigenen Gerätes in das Auto. Dementsprechend kommt es für Reisende wie uns nicht in Frage. Das andere System (HGS) ist eine Art Prepaid-Maut: man muss eine elektronische Vignette bei Außenstellen der (türkischen Post?) PTT kaufen. An jeder Mautstation wird dann Guthaben abgebucht, ist das Guthaben niedrig, wird man per SMS informiert.

Problem an der Geschichte: es weiß niemand darüber Bescheid, es kann einem auch niemand in der Türkei erklären. Und wir waren mittlerweile in Regionen angekommen, in denen wir 49Cent für 50kB Internetnutzung blechen mussten oder 4€ pro Minute für ein Gespräch nach Deutschland. Dementsprechend haben wir anfangs ermangelns besserer Möglichkeiten konsequent versucht, türkische Autobahnen zu umfahren, um den Mautstationen auszuweichen.

Istanbul

In den europäischen Ausläufern von Istanbul haben wir uns gegen halb 3 ein Bad im Mittelmeer gegönnt. Danach sind wir mitten in den Istanbuler Verkehr hineingefahren. Der ist wirklich übel, Autofahren ist dort beim besten Willen nicht zu empfehlen. Und vorallem ist ständig und überall Stau.

In diesem Durcheinander arbeiteten wir uns immer weiter auf die Brücken über den Bosporus zu. Wir wussten zu dem Zeitpunkt genau, dass die nicht mautfrei sind, hatten aber immernoch keine Ahnung, wie das Mautsystem funktioniert. Lediglich über den Begriff PTT waren wir schon gestolpert und hofften, die irgendwo zu finden. Am Ende standen wir gegen 6 vor der Entscheidung, einfach die Brücke zu passieren und zu schauen, was passiert, oder die letzte Abfahrt vor dem Bosporus zu nehmen und uns nochmal in Istanbul durchzufragen.

Wir wählten den Weg der Vernunft und fuhren vom Schnellstraßenstau vor der Brücke in den stadtinternen Stau. Irgendwo in der Nähe zweier Trumptower und ähnlich hoher Gebäude. Dort fragten wir an einer Tankstelle und in einem Hotel. Die Hoteliers wiederum (kein Wort Englisch) fragten eine Studentin (die konnte als erste Person in der Türkei fließend mit uns reden, auf Englisch), die uns dann etwa 1h quer durch Istanbul zum Fährhafen geführt hat. Sie hat sich echt Mühe gegeben und uns dort auch 2 Tickets für die Fähre organisiert usw..

Allerdings mussten wir mit dem Auto über den Bosporus, was sie dann leider erst in dem Moment verstanden hat. Vermutlich hat der Umstand, das jemand in Istanbul ein Auto hat und damit herumfahren möchte, nicht in ihr Weltbild gepasst. Zumindest war das auch das Credo, als sie versucht hat, von Busfahrern und Fährwärtern usw. Infos zur Brückenmaut einzuholen – keiner von denen würde privat mit dem Auto durch Istanbul fahren – und dementsprechend wusste auch keiner etwas zur Mautabrechnung auf der Brücke.

Wir sind dann also wieder zum Auto getingelt, und haben versucht per Telefon (2€ die Minute fürs angerufen werden) und an Tankstellen Infos zu bekommen. An einer Shell-Tankstelle wurden wir dann zur nächstgelegenen (5km Stau) British Petrol Tankstelle weitergeleitet. Dort konnte dankenswerterweise eine Kundin Englisch, die uns dann verkündete, dass der Tankstellenwart sagt, dass auf der Brücke ein Häuschen wäre, an dem wir bezahlen könnten. Das passte zwar nicht in unser Weltbild von einem Prepaid-Mautsystem, das wir mittlerweile dank der Telefonate hatten, war uns aber dann auch langsam völlig egal.

Wir ergriffen also den Strohhalm und fuhren gegen um 9 auf die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke. Und konnten direkt hinter ihr wieder abfahren – ohne eine Mautstation zu passieren! Der ganze Stress umsonst?

Völlig frustriert und geschafft (wir hatten auch nichts gegessen) fuhr ich dann einfach Richtung Schwarzmeer, Normen hat sich verdient aufs Ohr gehauen, er ist den ganzen Tag bisher gefahren. Navigiert habe ich mit einem Smartphone mit kaputter Ladebuchse (ging ständig aus), 9% Akkuladestand und einem Maps.me, das in Istanbul einfach nicht richtig routen konnte (ich sollte mehrfach auf Straßen abbiegen, die durch irgendwelche Tunnel unter mir liefen). Im Dunkeln. Irgendwie wurde dann auch noch die Straße immer kleiner. Als dann am Ende noch eine Brücke in mautgrün ausgeschildert war (auf türkischen Straßenschildern sind Autobahnen grün, und die sind normalerweise mit Maut) hat es mir gereicht: U-Turn, den ganzen Weg zurück und hinter der Bosporusbrücke in die Mautstation.

Und dort war es dann endlich: ein kleines, unscheinbares Schild auf eine winzige Abbiegung direkt in der Mautstelle: PTT! Tatsächlich konnten wir dort in einem kleinen Häuschen hinter der Mautstation eine HGS-Vignette besorgen und legal auf großen Straßen Istanbul verlassen. Allerdings war trotz der späten Zeit und ungeachtet des Umstandes, dass wir mit der Autobahn auf einer mindestens 6-spurigen Straße fuhren, Stau ein immer wiederkehrendes Phänomen.

Dementsprechend unsere Bilanz: um die 11h für die Passage des Großraums Istanbul… Der große Vorteil an der Sache: wir haben Istanbul bei Nacht gesehen! Das war schon etwas beindruckend.


Unsere Vignettensammlung
Unsere Vignettensammlung

Ein Kommentar zu anderen Teams und der Maut: Wir haben natürlich im Nachhinein auch einmal rumgefragt, da ja viele andere Teams vor dem selben Problem gestanden haben wie wir. Tatsächlich haben einige Teams in etwa das Selbe erlebt, haben sich ewig durchgefragt und am Ende mit irgendwo mit Ach und Krach eine Vignette bekommen. Wenn auch oft deutlich schneller und mit weniger Stau.

Bemerkenswert ist aber, dass mind. 2 andere Teams das Ganze beinahe vorsätzlich ignoriert zu haben scheinen. Die Mautstationen müssen beim Passieren in den verrücktesten Farben geblinkt haben und eigtl. findet sich auch immer die türkische Polzei in der Nähe dieser Konstrukte. Nach Hörensagen soll nach solchen Aktionen dann das 10fache der Maut spätestens an der Grenze verlangt werden. Fakt ist aber: diese Teams wurden in keiner Hinsicht belangt…

Auf zum schwarzen Meer

Nach Istanbul: Notversorgung bei Burgerking
Nach Istanbul: Grundversorgung nachts bei Burgerking

Nachdem wir dann mitten in der Nacht noch bei Burgerking hatten essen können und einige 100km später einfach erschöpft und unter permanenter Beobachtung auf einem überfüllten türkischen Rastplatz im Auto etwa 4h geschlafen haben stellten wir den Plan auf, die türkische Schwarzmeerküste noch am selben Tag erreichen zu wollen. Dort wollten wir dann endlich vernünftig kochen und am Meer zelten.

Auf dem Weg dahin hatten wir leider immer wieder Staus. Es schien ein wenig, als wenn wir genau in eine Art Urlaubswelle hineingeraten wären, es waren viele Familien mit Kindern unterwegs. Auf jeden Fall waren die meisten Autos voll mit Menschen, für gewöhnlich fuhr ein älterer Herr.

Was man aus Deutschland überhaupt nicht kennt: Überall an der Straße wurde von Einheimischen Tee verkauft, Melonen oder einfaches Essen zubereitet. Die Leute ließen sich dann dort für Pausen nieder. Oder das Auto hielt einfach auf dem Standstreifen und eine Wagenladung Menschen setzte sich am Straßenrand zusammen, dinierte und pausierte.

Abgesehen davon gibt es nicht viel zu der Fahrt zu bemerken. Landschaftlich war es sehr schön, wir sind einmal über eine rote Ampel gefahren und wurden dabei geblitzt (aber es ist nichts passiert) und haben uns nett auf einem Rastplatz mit einem türkisch/russischen LKW-Fahrer unterhalten, obwohl die Sprachbarriere unendlich hoch war. Zum Mittag haben wir eines der vielen Rastplatzrestaurants besucht, mit frisch gekochten türkischen Gerichten an einer Selbstbedienungstheke. War absolut klasse. Und wenn man nicht, wie wir, 3 Hauptgerichte ohne Beilagen nimmt, auch echt preiswert. Dazu kostenlos türkischer Tee, der fast schon dickflüssig gewirkt hat. Richtig gut.

Die Schwarzmeerküste

Wir konnten irgendwie unseren groben Plan einhalten und erreichten in der Abenddämmerung Samsun. Leider war das recht ernüchternd, nur Industrie oder Wohngebiete. Uns blieb also nichts anderes, als weiter gen Georgien zu fahren, in der Hoffnung, dass sich irgendwo ein Schlafplatz findet. Leider blieb die Umgebung stets eng besiedelt.

Im Dunkeln sind wir dann 2 anderen Tajik-Rally Teams über den Weg gefahren: Team Grenzgänger und die Panzertapeladies. Nach kurzer Absprache stellte sich heraus, dass die mit dem selben Plan an die Küste gefahren waren und dementsprechend vor dem selben Problem standen. Wir suchten dann also gemeinsam stundenlang nach einem geeigneten Platz zum zelten. Es war alles dabei: von Polizei oder Anwohner befragen bis zu einfach auf kleine Straßen fahren: nichts hat uns irgendwie weiter gebracht. Am Ende sind wir etwas über 100km weiter gefahren, an einen Ort, an dem im Navi ein Zeltplatz eingezeichnet war. Fazit bei der Ankunft: An besagter Stelle war ein kleiner Sandstrand, eine Bar und ein großes Campen verboten – Schild.

Kurzlebige Einladung

Wir haben uns dann also gegen halb 12 einfach an besagter Stelle in die Autos gelegt. Etwa 2 Stunden später wurde ich von einem Telefongespräch wach. Die Worte Tourist und Germani fielen immer wieder, außerdem stand neben uns ein großer schwarzer SUV.

Als ich die betreffende Person dann angesprochen habe, hat der sich nur tausendmal bei mir entschuldigt, dass er mich geweckt hat… Es hat sich dann herausgestellt, dass die Leute offensichtlich (es kamen dann immer mehr) am feiern waren, sie waren auch gut betrunken. Außerdem hat mir der besagte Telefonierende auch seinen Boyfriend vorgestellt, so, dass die Vermutung naheliegt, dass wir auf eine Gruppe feiernder schwuler Türken gestoßen sind. Da war z.B. ein Schiedsrichter der türkischen Premier-League, der Sohn eines Hotelbesitzers usw. Für die Kommunikation wurden dann mitten in der Nacht Kumpels wachgeklingelt, die Deutsch konnten, und wir wurden in das Hotel eingeladen, trotz Überbuchung hätte man noch einen Raum für uns 7 klarmachen können. In dem Moment waren dann auch die Panzertapeladies und Grenzgänger wachgeworden und warfen sich mit ins Getümmel.

Die Moral von der Geschichte war, dass sich die Türken zu 6. in einen 5er BMW gequetscht haben (bei uns war leider nirgendwo Platz), um uns zum Hotel zu geleiten. Die sind dann losgerast als wäre der Behörnte hinter Ihnen her. Summa Summarum waren sie dann einfach weg, vielleicht haben sie das mit der Rallye zu ernst genommen und dachten, wir könnten schneller. Wir sind ihnen ca. 10km hinterhergefahren, haben gedreht und uns wieder gen Georgien bewegt. Die zweite durchfahrene Nacht in Folge.

Die Ausreise
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Morgendämmerung auf dem Weg zur Grenze

Am Morgen erreichten wir die türkische-georgische Grenze. Malerisch gelegen in den ersten Ausläufern des kleinen Kaukasus, mit Sandstrand, Chaos und viel Müll.

Die Grenzkontrolle war dann wieder auf türkische Art anstrengend, zwar weniger Posten und wir wurden auch nicht groß durchsucht, aber ein unglaubliches Durcheinander. Wir mussten uns mit LKWs um die Plätze rangeln, es war nichts einzusehen. Auch ein Highlight war ein großer Reisebus, der zwischen Türkei und Georgien liegengeblieben war, und in ewiger Arbeit wieder angekurbelt wurde. Außerdem zum Teil ziemlich ramponierte (georgische) Autos, bei denen einiges an Verkleidung fehlte oder die schlimmer qualmten als ein Kohleschlot.

Insgesamt aber alles recht problemlos. Mit Anstehen etwa 2,5h, um zur georgischen Einreise zu gelangen.

2 thoughts on “Türkei – very lost”

  1. Supergeil! Wünsche euch noch viel Spaß und imposante Erlebnisse!!! Filmt ihr die ganze Zeit durchgehend mit eurer Frontkamera? Das muss ja unglaublich viel Material sein 😀

    Grüüüße
    Andi

    1. Hey Andi! Nein, wir filmen nicht permanent, wir haben eine Fernsteuerung zu der GoPro. Aber du hast recht, es ist selbst so schon zu viel Material, wir sind schon eine ganze Weile an der Kapazitätsgrenze, was das Speichern der Filme angeht…

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